Am 1. Januar 2009 fiel ein Verbot, das viele Paare bis heute für geltendes Recht halten. Bis dahin durfte kein Geistlicher ein Paar trauen, das noch nicht beim Standesamt war. Das Personenstandsrechtsreformgesetz hat diese Regel gestrichen. Seitdem darf die religiöse Zeremonie vorne stehen, gleich welcher Konfession. Verheiratet seid ihr danach trotzdem nicht.
1. Januar 2009
seitdem darf die religiöse Trauung zuerst kommen
Personenstandsrechtsreformgesetz
§ 1310 BGB
die Ehe entsteht allein vor dem Standesbeamten
Absatz 1, obligatorische Zivilehe
18 Jahre
Mindestalter für jede Trauung, auch die religiöse
§ 1303 BGB, § 11 Abs. 2 PStG
10 Jahre
Zusammenleben für die eine Ausnahme im Gesetz
§ 1310 Abs. 3 BGB, nur mit Registereintrag
Seit 2009 entscheidet ihr über die Reihenfolge
Bis Ende 2008 stand das Verbot in § 67 des Personenstandsgesetzes alter Fassung, und es war bußgeldbewehrt. Wer vor dem Standesamt religiös traute, riskierte eine Geldbuße. Zum 1. Januar 2009 ist beides entfallen, ersatzlos.
Geblieben ist der Satz, auf den es ankommt. § 1310 Abs. 1 BGB verlangt die Erklärung vor dem Standesbeamten, und zwar von euch beiden. Nur diese Erklärung schließt die Ehe. Kein Pfarrer, kein Imam, kein Rabbiner und kein freier Redner ersetzt sie. Der Gesetzgeber hat 2009 die Strafe gestrichen und die Wirkung gelassen, wo sie war. Genau aus dieser Halbreform entsteht der Irrtum, der bis heute durch die Foren läuft.
- 1876
Das Reich führt die obligatorische Zivilehe ein: erst der Staat, dann die Religionsgemeinschaft.
- bis 2008
§ 67 PStG alter Fassung verbietet die religiöse Voraustrauung und stellt sie unter Bußgeld.
- 1. Januar 2009
Das Personenstandsrechtsreformgesetz hebt Verbot und Bußgeld auf. § 1310 BGB bleibt stehen.
- 2017
§ 11 Abs. 2 PStG verbietet jede religiöse Trauung, an der eine Person unter 18 beteiligt ist.
- heute
Zwischen Volljährigen ist jede Reihenfolge erlaubt, verheiratet seid ihr erst nach dem Standesamt.
Die Jahreszahlen 1876 und 2009 stehen so in de.wikipedia, Artikel „Kirchliche Trauung“.
Erlaubt heißt nicht verheiratet
Zwischen der Feier und dem Recht liegt eine Wand. Wer nur religiös getraut ist, gilt vor jeder Behörde und vor jedem Gericht als ledig. Die Trauung in der Kirche bindet euch vor eurer Gemeinde, die in der Moschee oder der Synagoge genauso, und das Finanzamt bindet keine davon.
Das merkt niemand, solange nichts passiert.
Sechs Folgen treffen euch erst Jahre später, jede mit eigenem Paragrafen:
- Keinen Familienunterhalt, denn § 1360 BGB verpflichtet dazu nur Ehegatten
- Kein gesetzliches Erbrecht, denn § 1931 BGB nennt allein den überlebenden Ehegatten
- Keinen Zugewinnausgleich nach § 1378 BGB, wenn ihr euch trennt
- Kein Ehegattensplitting nach § 32a Abs. 5 EStG und keine Steuerklasse III
- Keine Witwenrente, die § 46 SGB VI an eine bestehende Ehe knüpft
- Keinen gemeinsamen Familiennamen, den § 1355 BGB an die Eheschließung bindet
Was der fehlende Trauschein im Erbfall kostet
- Nachlass von Michael, 2019 kirchlich getraut, nie standesamtlich
- 400.000 €
- Freibetrag für Katrin als Ehefrau, § 16 Abs. 1 Nr. 1 ErbStG
- 500.000 €
- Freibetrag für Katrin ohne Trauschein, § 16 Abs. 1 Nr. 7 ErbStG
- 20.000 €
- Steuerpflichtig ohne Trauschein
- 380.000 €
- Satz der Steuerklasse III bis 6 Mio. €, § 19 Abs. 1 ErbStG
- 30 %
- Erbschaftsteuer, die ein Trauschein erspart hätte
- 114.000 €
Das gilt nur, wenn ein Testament sie einsetzt. Ohne Testament erbt Katrin nichts, weil § 1931 BGB den Ehegatten meint und keine Partnerin. Rechnet den Fall mit einem Notar durch.
Die Feier macht euch vor 400 Gästen zum Paar. Verheiratet seid ihr in dem Moment, in dem ihr beide vor dem Standesbeamten Ja sagt, keine Minute früher.
Wenn keiner von euch beiden Deutscher ist, gibt es eine Ausnahme
Art. 13 Abs. 4 EGBGB lässt eine Tür offen, und die ist schmal. Hat keiner von euch die deutsche Staatsangehörigkeit, dürft ihr hier in der Form eures Heimatstaats heiraten. Das geht vor einer Person, die die Regierung dieses Staates dafür ordnungsgemäß ermächtigt hat. Die beglaubigte Abschrift aus dem dortigen Register erbringt dann vollen Beweis.
Hat einer von euch einen deutschen Pass, ist die Tür zu. Dann gilt § 1310 BGB ausnahmslos, auch wenn der zweite Pass etwas anderes zulässt. Ein Imam ohne staatliche Ermächtigung fällt nie unter diese Regel, und für den Priester oder den Rabbiner ohne Auftrag gilt dasselbe.
| Wer ihr seid | Religiöse Trauung zuerst erlaubt? | Begründet sie eine Ehe? |
|---|---|---|
| Beide deutsch | ja, seit 2009 | nein, § 1310 BGB gilt ausnahmslos |
| Einer deutsch, einer nicht | ja | nein, der deutsche Pass sperrt Art. 13 Abs. 4 EGBGB |
| Beide ausländisch, ermächtigte Stelle | ja | ja, in der Form des Heimatstaats |
| Beide ausländisch, Geistlicher ohne Ermächtigung | ja | nein, die Form ist nicht gewahrt |
Ermächtigt wird von der Regierung des Heimatstaats, nicht vom Verein. Ob eine Stelle dazu zählt, sagt euch das Konsulat, und zwar schriftlich vor dem Druck der 400 Einladungen.
Welche Urkunden das Standesamt dann sehen will, hängt am zweiten Pass und steht nebenan: welche Papiere bei einem ausländischen Pass fehlen
Unter 18 endet jede Wahlfreiheit
§ 11 Abs. 2 PStG verbietet seit 2017 jede religiöse oder traditionelle Handlung, die auf eine eheähnliche dauerhafte Bindung zielt, wenn eine beteiligte Person jünger als 18 ist. Gemeint ist jede Religionsgemeinschaft und jede Familie. Die Kirche steht hier neben der Moschee, die Synagoge neben dem Wohnzimmer der Familie Simon. § 1303 BGB setzt die Ehemündigkeit auf die Volljährigkeit; wer bei der Eheschließung jünger als 16 war, dessen Ehe ist nichtig.
Verboten ist ebenso ein Vertrag, der nach religiösen oder traditionellen Vorstellungen an die Stelle der Eheschließung tritt. Adressaten sind ausdrücklich auch Geistliche, Sorgeberechtigte und anwesende Trauzeugen.
In der Türkei läuft die Reihenfolge andersherum
Dort ist allein die staatliche Trauung gültig. Die religiöse kommt danach und zusätzlich, nie an ihrer Stelle. Wer damit aufgewachsen ist, hält die deutsche Reihenfolge für verboten.
| Frage | Deutschland | Türkei |
|---|---|---|
| Was begründet die Ehe | die Erklärung vor dem Standesbeamten, § 1310 BGB | allein die staatliche Trauung |
| Darf die religiöse Zeremonie zuerst sein | ja, seit dem 1. Januar 2009 | nein, sie folgt der staatlichen |
| Wie es in der Praxis läuft | beide Termine frei planbar, auch am selben Tag | Standesbeamter zuerst, die Gemeinde danach |
| Was bei Verstoß passiert | nichts, das Bußgeld ist seit 2009 weg | seit 2015 ungeklärt, siehe Fußnote |
Die Reihenfolge dort steht in tr.wikipedia, Artikel „İmam nikâhı“. Ob eine religiöse Trauung ohne Zivilehe dort heute strafbar ist, konnten wir nicht klären: Das Verfassungsgericht hat 2015 Teile von Art. 230 des türkischen Strafgesetzbuchs aufgehoben. Fragt im Konsulat nach.
Wer traut euch ohne Standesamt und wer nicht?
Erlaubt ist seit 2009 fast alles. Ob eure Gemeinde mitmacht, ist eine zweite Frage, und die beantwortet ihr eigenes Recht. Familie Simon hört in ihrer Kirche etwas anderes als Familie Haddad in ihrer Gemeinde. Vier Antworten, so weit sie belegt sind:
- Die evangelische Kirche untersagt die kirchliche Trauung ohne vorherige standesamtliche (de.wikipedia, „Kirchliche Trauung“)
- Katholisch ist sie in Ausnahmefällen möglich, entschieden wird im Einzelfall (dieselbe Quelle)
- Für Moscheegemeinden und jüdische Gemeinden fanden wir keine bundesweite Regel, die wir belegen könnten
- In der Türkei traut ein syrisch-orthodoxer Priester erst, wenn die offiziellen Papiere vorliegen (en.wikipedia, „Assyrian weddings“)
Gefragt wird das oft und beantwortet fast nie. In Foren stehen Threadtitel wie „Islamischen Ehevertrag in Deutschland“, „Imam zur interreligiösen Trauung gesucht“ und „erst kath. Kirchlich danach standesamtlich. hat jemand damit Erfahrung?“. Wir haben neun deutsche Hochzeitsportale durchgesehen. Keines davon behandelt die Rechtsfolge.
Der 31. Dezember entscheidet über euer ganzes Steuerjahr
§ 26 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 EStG lässt die Zusammenveranlagung zu, wenn die Voraussetzungen im Laufe des Jahres eintreten. Wer am 31. Dezember vor dem Standesbeamten steht, bekommt das Splitting nach § 32a Abs. 5 EStG für zwölf Monate rückwirkend. Die religiöse Feier im Juni zählt dafür null Tage.
Zwei Tage Abstand, ein ganzes Steuerjahr
- Religiöse Trauung von Katrin und Michael am 13. Juni 2027
- 0 Tage
- Standesamt am 31. Dezember 2027
- Splitting für 12 Monate
- Standesamt am 2. Januar 2028
- Splitting für 0 Monate
- Abstand zwischen beiden Terminen
- 2 Tage
- Was diese zwei Tage kosten
- ein volles Steuerjahr
Die Steuerklassen III und V bestehen nach § 38b EStG weiterhin, die oft angekündigte Abschaffung ist nicht in Kraft. Wie viel das Splitting bei euch bringt, rechnet ein Steuerberater aus. Der Betrag hängt am Abstand zwischen euren Gehältern.
Liegt eure Feier ohnehin im Winter, prüft den 31. Dezember als Standesamtstermin. Zwei Tage später ist das Splitting für das Jahr weg.
Wie zwei Zeremonien und ein Fest in einen Tag passen, rechnet der Ablaufplan vor: wie zwei Trauungen an einem Tag zusammenpassen
So erklärt ihr eurer Familie die Reihenfolge
Der Streit dreht sich selten um das Gesetz. Er dreht sich darum, welche Feier als die echte gilt, und dagegen hilft Vorlesen aus dem BGB wenig. Vier Sätze wirken am Küchentisch besser:
Nenn zuerst das Datum, nicht den Grund
Der Standesamtstermin ist ein Termin und kein Urteil über die Zeremonie. § 12 Abs. 1 PStG sagt nur, wo ihr euch anmeldet: am Wohnsitz eines von euch.
Trenn die Wirkung von der Feier
Vor dem Standesbeamten entsteht die Ehe, in der Kirche oder der Moschee entsteht der Segen. Wer beides trennt, muss keine der beiden Feiern kleinreden.
Rechne einmal laut vor
Die 114.000 € aus der Rechnung oben überzeugen Eltern schneller als § 1310 BGB. Geld ist ein Argument, das an jedem Küchentisch ankommt.
Frag den Geistlichen vor der Familie
Ein evangelischer Pfarrer sagt euch selbst, dass er ohne Trauschein nicht traut. Diese Antwort wiegt vor den Eltern schwerer als eure eigene.
Was viele Paare machen
- Erst die Feier für 400 Gäste festlegen, das Standesamt später dazwischenschieben
- Über Erbe und Rente erst reden, wenn jemand im Krankenhaus liegt
- Die Reihenfolge am Telefon klären, ohne ein Datum in der Hand
- Auf das Ja der Eltern warten, bevor jemand anruft
Was euch Ärger erspart
- Erst den Standesamtstermin sichern, danach den Saal für den 13. Juni buchen
- Testament und Vollmachten klären, solange Monate dazwischen liegen
- Vier Zeilen mit vier Daten an beide Familien schicken, am selben Abend
- Am Wohnsitz anmelden und die sechs Monate aus § 13 Abs. 4 Satz 3 PStG mitrechnen
Wer zwei Zeremonien plant, verschiebt damit auch den Abend im Saal, und dafür gibt es SOFRANDA.
Wann der Sitzplan spätestens stehen muss, wenn zwei Termine im Kalender hängen: wann der Sitzplan für 400 Gäste fertig sein muss
Diese vier Fragen kommen in jeder Familie
Die Antworten stehen im BGB, im PStG, im EStG und im EGBGB. Verhandelbar ist keine davon, auch wenn sie beim Kaffee so klingt. Wo ein Paragraf gilt, steht er in der Antwort.
Wir wollen die religiöse Trauung im Juni und das Standesamt im September. Geht das?
Ja, seit dem 1. Januar 2009. Verboten ist daran nichts. Bis September seid ihr rechtlich zwei ledige Menschen mit einer großen Feier hinter euch.
Wir sind seit zwölf Jahren nur religiös getraut. Sind wir inzwischen verheiratet?
Nein. § 1310 Abs. 3 BGB hilft nur in engen Ausnahmen: unter anderem, wenn ein Standesbeamter die Ehe ins Eheregister eingetragen hat und ihr danach zehn Jahre als Ehegatten zusammengelebt habt. Ist einer gestorben, reichen fünf Jahre. Ohne den Eintrag greift die Regel nie.
Einer von uns ist am Termin im Ausland. Geht das per Vollmacht?
Bei der Anmeldung ja, bei der Trauung nein. § 1311 BGB verlangt die Erklärung persönlich und bei gleichzeitiger Anwesenheit, ohne Bedingung und ohne Stellvertreter. Eine Zeremonie per Video zählt nicht.
Karim hat nur den libanesischen Pass, ich den deutschen. Hilft uns Art. 13 EGBGB?
Nein. Die Ausnahme greift nur, wenn keiner von euch beiden Deutscher ist. Sobald ein deutscher Pass im Spiel ist, gilt § 1310 BGB. Für die Urkunden aus dem zweiten Land fragt früh nach, denn Übersetzung und Beglaubigung kosten Wochen.
Was hier steht, sind Fundstellen zum Nachschlagen und keine Rechtsberatung. Verbindlich Auskunft gibt das Standesamt an eurem Wohnsitz, und bei Erbe oder zweitem Pass gehört ein Anwalt dazu. Eines geht heute noch: Ruft in Mannheim an und fragt nach dem nächsten freien Termin. Das dauert fünf Minuten, und danach plant ihr um ein Datum herum statt um eine Vermutung.
Quellen und Stand
- § 1310 BGB, die Ehe entsteht allein vor dem Standesbeamten, Absatz 3 als einzige Ausnahme (abgerufen im August 2026)
- § 1311 BGB, persönliche Erklärung bei gleichzeitiger Anwesenheit (abgerufen im August 2026)
- § 1303 BGB, Mindestalter von 18 Jahren (abgerufen im August 2026)
- § 1931 BGB, gesetzliches Erbrecht allein des überlebenden Ehegatten (abgerufen im August 2026)
- § 1355, § 1360 und § 1378 BGB, Ehename, Familienunterhalt und Zugewinnausgleich (abgerufen im August 2026)
- § 32a Abs. 5 EStG, Splittingverfahren, dazu § 26 Abs. 1 EStG und § 38b EStG (abgerufen im August 2026)
- § 11 Abs. 2 und § 12 Abs. 1 PStG, Verbot religiöser Trauung Minderjähriger seit 2017 und Anmeldung am Wohnsitz (abgerufen im August 2026)
- § 67 PStG in der Fassung bis 2008, aufgehoben zum 1. Januar 2009 durch das Personenstandsrechtsreformgesetz (abgerufen im August 2026)
- § 16 Abs. 1 und § 19 Abs. 1 ErbStG, Freibeträge von 500.000 und 20.000 Euro sowie 30 Prozent Steuersatz (abgerufen im August 2026)
- § 46 SGB VI, Witwenrente nur bei bestehender Ehe (abgerufen im August 2026)
- Wikipedia, Artikel Kirchliche Trauung zur evangelischen und katholischen Praxis (abgerufen im August 2026)
- tr.wikipedia, Artikel İmam nikâhı, dazu die Aufhebung von Teilen des Artikels 230 des türkischen Strafgesetzbuchs durch das Verfassungsgericht 2015, von uns nicht abschließend geklärt (abgerufen im August 2026)
- en.wikipedia, Artikel Assyrian weddings zur Reihenfolge bei syrisch-orthodoxen Trauungen (abgerufen im August 2026)